Karrierekolumne

Verständlich sein reicht nicht

06.01.2025

Von Wiley-VCH zur Verfügung gestellt

Mein erster Versuch, als Wissenschaftler mit einem Laienpublikum in Kontakt zu treten, war eine überraschend große Herausforderung. Während meines Postdocs nahm ich am Edinburgh Science Festival teil und stand dort vor 150 Schulkindern auf der Bühne. Ich bereitete mich viel intensiver vor als gewöhnlich bei Vorträgen: ein besonders ausführliches Vorab-Gespräch mit dem Moderator, ein dreidimensionales Modell als Anschauungsmaterial und viele Übungsläufe. Am Ende der Veranstaltung fragte der Moderator das Publikum, wer von uns sechs Wissenschaftler:innen den besten Eindruck hinterlassen hatte. Keine der 300 Hände ging für mich in die Luft. Wo lag mein Fehler?

All meine Energie war auf die Frage gerichtet: Wie kann ich meine Wissenschaft speziell für diese Zielgruppe so erklären, dass sie verständlich ist? Bei all meinen Mühen und Überlegungen war ich vermutlich nicht komplett darin gescheitert, zumindest ansatzweise verständlich zu sein. Was ich allerdings nicht auf dem Schirm hatte: Was ich da erzählte, war schlicht nicht relevant für das Publikum. Für sie war es das weltfremde Gewerkel eines ausländischen Nerds, der tagelang durchsichtige Flüssigkeiten rührt und beim Anblick kryptischer Linien im Computer gelegentlich „Heureka” ruft.

Ich befinde mich damit in guter Gesellschaft. Die ehemalige Bundeskanzlerin Angela Merkel hatte einmal einen Moment, in dem die promovierte Physikerin in ihr durchbrannte: Bei einem Castor-Transport entwichen kleine Mengen radioaktiven Materials – zu einer Zeit, als es besonders intensive Proteste gegen diese Transporte gab. Merkel trat vor die Tagesschau-Mikrofone und erklärte den Unfall. Da sei eben beim Umfüllen etwas daneben gegangen. Das könne man sich vorstellen, wie wenn Kinder im Sandkasten mit einem Schäufelchen Sand von einem Eimer in einen anderen füllen.

Wäre es das Ziel gewesen, selbst solchen Zuschauer:innen den Prozess nachvollziehbar zu machen, die überhaupt nichts mit Technik am Hut haben, dann wäre die Erklärung passend gewesen. Das Anliegen der Zuschauer:innen war aber ein anderes: Sie wollten Gewissheit, dass so etwas künftig nicht mehr passiert.

Es ist gut, dass Wissenschaft stets zugänglicher für die Öffentlichkeit wird und die Akteur:innen sich immer verständlicher ausdrücken. Für die meisten Situationen als kommunizierende Wissenschaftler:innen genügt dieser erste Entwicklungsschritt allerdings nicht: Wir müssen uns noch tiefer in unser Publikum versetzen und der Verständlichkeit noch Relevanz hinzufügen.

Der promovierte Chemiker Philipp Gramlich ist Mitgründer von NaturalScience.Careers, einem Unternehmen, das Workshops über Karriereentwicklung und Wissenschaftskommunikation anbietet. Für die Nachrichten aus der Chemie schreibt er über Beobachtungen aus seiner Beratungstätigkeit. p.gramlich@naturalscience.careers

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Bildung + Gesellschaft
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