Karrierekolumne

Probe und Gegenprobe

Philipp Gramlich

19.12.2022

Von Wiley-VCH zur Verfügung gestellt

In einem Karriereworkshop besprechen wir Anschreiben. Georg hat seine Bewerbungsunterlagen mitgebracht, die wir gemeinsam analysieren.

„Ich bin ein enthusiastischer und breit interessierter Chemiker …”, lese ich vor. „Ich würde gerne für Ihre Firma arbeiten, die bekanntermaßen führend im Bereich der responsiven Polymere ist.” Georg springt gleich in die rhetorische Pause, die ich nach den beiden Sätzen lasse. „Ich finde es sehr schwer, mich selbst zu loben, die Arbeitgeber zu loben. Ich habe das Gefühl, ich schreibe nur Allgemeinplätze.”

Georg hat recht und ist damit nicht alleine. In den meisten Anschreiben steht ein Abschnitt, den viele Bewerbende als verpflichtendes, gegenseitiges Bauchpinseln empfinden. Das muss nicht sein.

Selbstlob ist nicht nötig, wie in der Kolumne „Show, don‘t tell” (Nachr. Chem. 2019, 67(3), 23) beschrieben. Denken Sie eher in die Richtung: Welche Verbindung gibt es zwischen mir und dem Arbeitgeber? Was habe ich, das kein anderer hat? Und: Was bietet dieser Arbeitgeber, das andere kaum bieten? Wenn Sie diese Fragen nicht beantworten können, sollten Sie noch Zeit in Selbstanalyse und Recherche stecken. Sonst erhalten Sie im schlimmsten Fall das Angebot eines Arbeitgebers, der nicht zu Ihnen passt.

„Aber wie kann ich wissen,“ entgegnet Georg, „dass ich wie eine Person mit authentischem Interesse an genau dem Arbeitgeber klinge?”

Um das herauszufinden, nehmen Sie zuerst die Hauptaussagen unter die Lupe, mit denen Sie sich selbst beschreiben und machen ein Gedankenexperiment: Könnte Ihre Labornachbarin genau denselben Satz schreiben? Das ist der Fall bei Sätzen wie: „Ich habe großes Organisationstalent“. Hier nennen Sie nur ein lebloses Attribut, geben der Leserschaft aber keinen Grund, Ihnen zu glauben. Wenn Sie aber schreiben: „Bei meiner Mitwirkung beim Organisations-Team für die Online-Konferenz XYZ lernte ich, welche Fallstricke zu überwinden sind, wenn Teilnehmende aus verschiedenen Zeitzonen und Kulturen zusammenkommen.“ Ein solches Erlebnis können nur wenig andere vorweisen.

Dann machen Sie den gleichen Test für Ihre Aussagen zum Arbeitgeber. Wenn sich beispielsweise mehrere Firmen als „führend im Bereich responsiver Polymere“ beschreiben, dann müssen Sie weiter nachforschen, was diesen Arbeitgeber einzigartig macht.

Der promovierte Chemiker Philipp Gramlich ist Mitgründer von Natural Science Careers, einem Unternehmen für Karriereberatung und Soft-Skill-Seminare für Naturwissenschaftler:innen. Für die Nachrichten aus der Chemie schreibt er über Beobachtungen aus seiner Beratungstätigkeit. p.gramlich@naturalscience.careers

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Bildung + Gesellschaft
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