Meinungsbeitrag

Lebensmittel und Nachhaltigkeit

29.08.2024

Von Wiley-VCH zur Verfügung gestellt

Ein Leitartikel von Monika Pischetsrieder

Die Anforderungen der Konsumenten und Konsumentinnen an Lebensmittel nehmen stetig zu. Während in Mangelzeiten Lebensmittel vor allem den Energiebedarf decken müssen, sollen sie bei besserer Versorgungslage auch wichtige Nährstoffe liefern, gut schmecken, gesund sein und keine Schadstoffe enthalten. In den letzten Jahren sind dazu vermehrt ethische Anforderungen gekommen wie Tierwohl, fairer Handel und inzwischen vor allem eine nachhaltige Produktion. Doch sind Lebensmittel überhaupt ein sinnvoller Ansatzpunkt, um nachhaltig zu konsumieren?

Weltweit werden 30 Prozent – in Deutschland etwa 25 Prozent – der Treibhausgasemissionen durch die Ernährungssysteme erzeugt. Etwa die Hälfte der besonders relevanten Lachgas- und Methanemissionen entsteht in der Landwirtschaft. Anders als bei Luxusgütern wäre allerdings ein völliger Verzicht auf diese Emissionen nicht einmal theoretisch möglich, denn 8 Milliarden Menschen müssen ernährt werden.

Trotzdem bieten die hohen Mengen an ernährungsbedingten Treibhausgasemissionen die Chance, dass auch relativ kleine Verbesserungen absolut einen bedeutenden Beitrag zum Klimaschutz leisten können.

Nachhaltigkeit ist aber mehr als nur Klimaschutz. Die Agenda 2030 der UN hat 17 Nachhaltigkeitsziele definiert, von denen neben dem Klimaschutz auch „Ernährungssicherung“, „Gesundheit und Wohlbefinden“, „Umwelt- und Gewässerschutz“ oder der „verantwortliche Umgang mit Energie und stofflichen Ressourcen bei Produktion und Konsum“ lebensmittelrelevant sind. Diese umfassende Betrachtung von Nachhaltigkeit ist richtig und wichtig, führt aber auch zu einer hohen Komplexität, zu Zielkonflikten und zu nicht-intuitiven Zusammenhängen: Eine auf den ersten Blick sehr nachhaltige Alternative mag sich als ungünstig erweisen, betrachtet man den gesamten Lebenszyklus des gesamten Produktsystems. Daraus folgt, dass die häufige Forderung, die Verbraucher und Verbraucherinnen sollen durch ihre Konsumentscheidungen für mehr Nachhaltigkeit sorgen, zu kurz greift und die Menschen überfordern muss: Soll ich mich lieber für das Biohühnchen aus Frankreich entscheiden oder für das regionale Hühnchen aus der Stallhaltung? Wir können auch nicht erwarten, dass Verbraucher:innen die komplexen Zusammenhänge kennen, und wir werden es auch nicht schaffen, diese allein über die Kennzeichnung zu vermitteln. Vielmehr sind vor allem die Lebensmittelchemiker und -chemikerinnen gefordert, wissenschaftliche Lösungen zu finden, um unser Ernährungssystem grundsätzlich nachhaltiger zu gestalten.

Im letzten Jahr diskutierten beim Chemical Science and Society Summit (CS3) Delegierte der GDCh und der chemischen Gesellschaften aus China, den USA und dem Vereinigten Königreich auf Einladung der Chemical Society of Japan, wie lebensmittel- und agrarchemische Forschung gestaltet werden kann, damit wir in Zukunft mit nachhaltigeren Lebensmitteln versorgt werden. Das White Paper „Chemistry for Sustainable Food: Challenges and Perspective” stellt dazu Beispiele vor, wie chemische Forschung kreativ eingesetzt wird, wobei neue Konzepte genauso entwickelt werden wie Lösungen, die direkt in der Produktion umsetzbar sind. Ansatzpunkte sind etwa das Upcycling von Nebenströmen der Lebensmittelproduktion, kreative Verpackungskonzepte, die Vermeidung von Lebensmittelabfällen durch neue haltbarkeitsverlängernde Inhaltsstoffe oder Innovationen, damit die nachhaltigere Alternative auch die schmackhaftere ist. Erfreulicherweise ist Nachhaltigkeit eben schon seit langem ein wichtiges Thema der lebensmittelchemischen Forschung.

Prof. Dr. Monika Pischetsrieder Lehrstuhl für Lebensmittelchemie Universität Erlangen-Nürnbergimage

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