Nachruf

Hans Paulsen (1922 – 2024)

06.01.2025

Von Wiley-VCH zur Verfügung gestellt

Hans Paulsen war Kohlenhydratchemiker und nutzte früh NMR-Spektroskopie. Privat war er begeistert von Reisen, Land und Leuten.

Hans Paulsen, geboren am 20. Mai 1922 in Altona, wurde nach dem Abitur eingezogen und leistete Arbeits- und Militärdienst bis 1945. Erkrankt kam er nach Hamburg zurück und konnte erst im Jahr 1948 mit dem Chemiestudium in Hamburg beginnen. Nach dem Hauptdiplom promovierte er 1955 an der Universität Hamburg in der Arbeitsgruppe von Kurt Heyns. Im Jahr 1962 folgte die Habilitation in der Fakultät für Mathematik und Naturwissenschaften mit der Schrift „Monosaccharide mit Stickstoff im Ring“. Als wissenschaftlicher Assistent im Arbeitskreis Heyns ab 1953 forschte er, unterrichtete und plante den Aufbau des neuen Chemiezentrums der Universität mit. Im Jahr 1968 wurde er zum Universitätsprofessor ernannt. Den Ruf auf einen Lehrstuhl an die Universität Kiel lehnte er ab und besetzte die neu geschaffene Professur für Naturstoffchemie in Hamburg. Diese Position bekleidete er von 1972 bis zu seiner Emeritierung 1987.image

Paulsens wissenschaftliches Werk liegt im Herzen der Kohlenhydratchemie. In gemeinsamen Publikationen mit seinem akademischen Lehrer Kurt Heyns befasste er sich mit der platinkatalysierten Oxidation von Sacchariden. Eigenständig forschte er zur Chemie von Kohlenhydraten mit Stickstoff im Halbacetalring; Derivate davon dienten später als Glycosidase-Inhibitoren, Wirkstoffe gegen Diabetes. Zu seinen Forschungsgebieten zählten außerdem Acyloxonium-Umlagerungen in der Kohlenhydratchemie, phosphorhaltige Saccharide, Kohlenhydrate mit verzweigten Funktionsketten, Aminoglycosid-Antibiotika, Oligosaccharid-, Glycolipid- sowie O- und N-Glycoprotein-Synthesen.

Früh hat Paulsen erkannt, wie wichtig Kernspinresonanzspektroskopie (NMR) ist, um Strukturen in der organischen Chemie zuzuweisen, besonders von komplexen Sacchariden; deshalb hat er in Hamburg die NMR-Spektroskopie ausgebaut. So erzielte seine Gruppe Beiträge zu Konformationen von Monosaccharid- und später Oligosaccharidderivaten sowie zum Verständnis des exo-anomeren Effekts. Das wissenschaftliche Werk Hans Paulsens mit mehr als 500 Publikationen hat verschiedene Auszeichnungen erfahren: die Emil-Fischer-Medaille, die Haworth Memorial Medal, den Claude S. Hudson Award, die Heyrovsky-Medaille, die Biyvoet-Medaille und den Riken-Eminent-Scientist-Award. Paulsen war Mitherausgeber und Mitglied im Editorial Board internationaler Zeitschriften; als Hauptgutachter bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft hat er jahrelang die organische Chemie in Deutschland mitgestaltet.

Bemerkenswerterweise vereinte er enormes Wirken mit bescheidener und zurückhaltender Persönlichkeit. Niemals laut, aber immer mit überzeugendem Detailwissen hat er charismatisch viele junge Wissenschaftler zu eigenen Beiträgen angespornt. Sein zurückgezogener privater Lebensstil wurde transparent, wenn er engagiert, kundig und launig von seinen Reisen über die Historie, die Baukunst sowie Land und Leute berichtete.

Wir werden uns an Hans Paulsen als großartigen Wissenschaftler und hoch geschätzten Kollegen erinnern.

Joachim Thiem, Hamburg

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