Meinungsbeitrag

Künstlich, intelligenter

30.09.2025

Von Wiley-VCH zur Verfügung gestellt

Ein Leitartikel von Tom Kinzel

Göttingen, wo ich studiert habe, nennt sich „die Stadt, die Wissen schafft“. Klingt charmant, auch wenn damit natürlich die Menschen gemeint sind, die in der Stadt forschen. Aber jetzt gibt es wirklich eine neue Entität, die Wissen schafft, nämlich KI, künstliche Intelligenz.

KI übernimmt zunehmend Aufgaben in der Forschung – welche Rolle bleibt dabei für die Menschen? Mich interessiert vor allem: Wie wird KI die chemische Wissenschaft selbst verändern, und welche Folgen hat das für die Wahrnehmung und Rolle der Forschenden – und für die GDCh?

Es ist nichts Neues, dass Forschung immer schneller voranschreitet. Mehr Chemikalien sind verfügbar, die Analytik ist besser als früher, und digital lassen sich Daten schneller auswerten. Doch KI geht weit darüber hinaus: Sie wird nicht nur beschleunigen, sondern zunehmend selbst Forschungsfragen entwickeln, Experimente planen, diese mit Robotern eigenständig durchführen und schließlich interpretieren. Ohne menschliche Leidenschaft, aber mit hoher Effizienz wird KI gute, solide und publizierbare Ergebnisse liefern.

Wenn KI jedoch genau die Forschung durchführen kann, die Industrie oder akademische Wissenschaft in diesem Moment benötigen, verändert das den Blick auf die Forschenden. Vor allem könnte das Gefühl verloren gehen, dass die eigenen Ideen und Mühen das Herzstück des wissenschaftlichen Fortschritts sind. Verliert langjährige, sorgfältige Arbeit an Wert, wenn sich Ergebnisse ad hoc erstellen lassen? Wird Forschung noch als kreative Leistung gesehen – oder eher als technische Umsetzung einer Optimierungsaufgabe?

Doch auch KI-gesteuerte Forschung kommt nicht ohne Ressourcen aus. Zeit, Geld und Laborkapazitäten bleiben begrenzt; es sind weiterhin die Menschen, die priorisieren müssen. Gerade in der Grundlagenforschung bleibt das Schwerpunktsetzen eine zutiefst menschliche Aufgabe. Wichtig ist, Räume offenzuhalten, in denen Unvorhergesehenes entstehen darf. Dafür brauchen wir Menschen mit Leidenschaft, Neugier und Fachwissen.

Woher kommen künftig unsere Expertinnen und Experten? Wissenschaftliche Exzellenz wächst nicht nur aus komplexen Projekten, sondern auch daraus, viele einfachere Aufgaben selbst durchdacht und durchgeführt zu haben. Wenn KI das übernimmt, könnte jungen Forschenden ein Teil der Ausbildung fehlen – beim Können, aber auch bei der Entwicklung von Sorgfalt, Urteilskraft und der Freude am Verstehen. Das wäre nicht nur ein Verlust an Kompetenz, sondern auch an Begeisterung für die Wissenschaft selbst.

Als GDCh fördern wir den wissenschaftlichen Erkenntnisgewinn, indem wir Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler fördern und ihnen helfen, sich zu vernetzen. KI könnte jedoch dazu führen, dass sich diese Logik verändert.

Wir müssen uns fragen: Soll die GDCh vor allem die Entwicklung und Nutzung von KI fördern, um Forschung schneller und sicherer zu machen, nicht zuletzt um relevante globale Probleme zu adressieren? Oder liegt unsere Hauptaufgabe darin, die Menschen in der Wissenschaft in den Mittelpunkt zu stellen und ihre kreative Freiheit und Identität zu bewahren? Wie können wir beides miteinander verbinden? Wegsehen hilft nicht: Forschung ist global, und Konkurrenz ist real; wenn KI gut forscht, wird sie genutzt werden.

Ich lade Sie daher ein: Teilen Sie Ihre Sicht, Ihre Erwartungen und Bedenken in den Fachgruppen, auf Tagungen, in Kommissionen, damit Forschung auch in einer KI-geprägten Welt lebendig bleibt und die GDCh ihre Rolle bewusst gestaltet.

Dr. Tom Kinzelimage

Geschäftsführer der GDCh

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