Der Wirtschaftschemiker

Grüner Phosphor

03.01.2024

Von Wiley-VCH zur Verfügung gestellt

Es gibt Phosphor in vielen Farben: weiß, schwarz, violett und rot. Industrieller elementarer Phosphor ist gelb. Jan-Gerd Hansel, Chemiker bei Lanxess hat bei einem GDCh-Onlinevortrag Anfang November Fotos elementaren Phosphors gezeigt und eine neue Variante präsentiert: grünen Phosphor. Dieser sieht immer noch gelb aus, ist aber CO2-neutral hergestellt. Bayer produziert in den USA etwa Phosphor mit Strom aus Wasserkraft.

Der in Deutschland verarbeitete Phosphor kommt fast ausschließlich im Bahnkesselwagen aus Kasachstan. Der letzte EU-Hersteller, Thermphos aus den Niederlanden, ging im Jahr 2012 in Insolvenz. Die EU hat untersucht, ob das durch Eingriffe der kasachischen Regierung in die Strompreise verursacht wurde,1) wie es die deutsche Regierung zurzeit auch diskutiert. Gäbe es noch eine Phosphorproduktion in Europa, hätte die EU sie über den seit Oktober 2023 gültigen CO2-Zoll (carbon border adjustment mechanism, CBAM)2) schützen können?

Nun gibt es in Europa keine Produktion elementaren Phosphors mehr. Es gibt aber Pilotanlagen, die im Sinn einer Kreislaufwirtschaft aus Klärschlamm gelbfarbigen grünen zirkulären Phosphor gewinnen. Diese Anlagen fangen bei der Skalierung ganz klein an. Ein Technologieneustart mit wenig industrieller Praxis ist schwierig. Das ist auch die Erfahrung beim Aufbau von Batterie-Megafabriken in Europa und die aktuelle Zukunftssorge der chemischen Schwerindustrie.

Ist zu erwarten, dass Phosphor wieder energieintensiv in der EU produziert wird? Der Bau von Batterie- und Chipfabriken wird viel der zunächst zu geringen Kapazität grünen Stroms brauchen. Es scheint einfacher, den kasachischen Lieferanten zu überzeugen, Phosphor mit Wasserkraft zu produzieren, wenn der CO2-Fußabdruck für uns wichtig ist.

Was mich zuversichtlich stimmt, ist, dass die deutsche Industrie mit Phosphor in all seinen Farben unabhängig vom Strompreis weiter Geld verdienen wird: zum Beispiel mit LiFePO4 in neuen Batteriefabriken oder mit Gallium- und Indiumphosphiden in Halbleiterproduktionen. Beides gehört nicht zur Chemie-, sondern zur Elektroindustrie. Dort wird Chemie weniger wahrnehmbar. Das kann eine Herausforderung für die Chemiekommunikation werden.

Rolf Albach leitet F+E-Projekte für Kreislaufwirtschaft, Automobilinnenraum und Flammschutz. Zudem lehrt der promovierte Chemiker mit einem Master of Business Administration an der Fachhochschule Aachen. Der Vorstandsvorsitzende der GDCh-Vereinigung Chemie und Wirtschaft führt uns mit dieser Kolumne im Wechsel mit Hannes Utikal durch die Welt der Wirtschaftschemie.

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Industrie + Technik
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